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Seltsame Stories

 
       
  Als ich anfing, an Büchern Geschmack zu finden (ich muß so um die 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein), war eins der ersten Bücher, das ich las, ein Buch mit dem beängstigenden Titel Believe it or not! (Glaub es oder nicht!), und es enthielt Hunderte von fast unglaublichen, aber angeblich wahren Geschichten über seltsame Geschehnisse auf unserem Planeten. Der Autor, ein damals bekannter Karikaturist namens Robert Rille, begann mit einem Abschnitt über die Merkwürdigkeiten menschlicher Religionen unter der klassisch wirkenden Überschrift: »Seltsam ist der Mensch, wenn er seine Götter sucht.« Heute weiß ich immer noch nicht, ob Herr Rille diesen Aphorismus erfunden oder ihn aus einem echten Klassiker hat; aber er blieb mir länger als ein halbes Jahrhundert im Gedächtnis. Männer (und Frauen) werden tatsächlich seltsam, wenn sie Götter suchen. Aber wie das vorliegende Werk zeigen wird, werden sie sogar noch viel komischer, wenn sie ihre Teufel suchen. Und die Geschichten, die sie erfinden, haben den düsteren Charme und die gruselige Banalpoesie eines Bela Lugosi in seinen besten Momenten. Fast hat man den Eindruck, der menschliche Geist wirke wie ein gigantisches Vergrößerungsglas: Wendet man ihn positiven Gedanken zu, vergrößert er sie und multipliziert sie buchstäblich endlos, so wie er es für die christlichen Wissenschaftler und die Schüler des Geistlichen Norman Vincent Peale tut. Betrachtet man aber Böses mit diesem Geist, wird er Ihnen bald alles zeigen, wovor Sie Angst haben; direkt vor Ihrer Haustür, komplett mit geiferndem Maul und grünen Tentakeln. Seit den Blütezeiten von Sankt Paulus und Augustinus haben sich nicht mehr so viele Leute bemüßigt gefühlt, alles durch das Vergrößerungsglas des Bösen zu betrachten und dann angesichts der großen Bosheit, die sie in dieser »tief gesunkenen« Welt fanden, in verzweifeltes Geheul auszubrechen. Weder die Regierung noch die Medizin oder die Geschäftswelt haben ein Monopol auf populäre Ängste. Die meisten rechten Christen fürchten die Freimaurer, und die meisten Freimaurer machen sich große Sorgen wegen des Vatikans und all seinen Speichelleckern. Viele amerikanische Bürger europäischer Abstammung haben sich in die Berge zurückgezogen (in Idaho und anderswo), weil sie glauben, dass die Amerikaner afrikanischer Herkunft entschlossen sind, die weiße Rasse auszumerzen (sei es aus Rache für die Sklaverei oder weil sie sich von irgendeiner anderen, noch teuflischeren Verschwörung haben irreleiten lassen). Ein wahrscheinlich noch größerer Prozentsatz von afro-amerikanischen Bürgern glaubt, dass die euro-amerikanische herrschende Klasse vorhat. Schwarze Helikopter treiben sich über unseren ländlichen Gegenden herum, und nur Holzköpfe glauben, dass diese Hubschrauber zur Drogenfahndung gehören und nach verbotenen Kräutern suchen (damit uns, nach weit verbreiteter Ansicht, die Multi-Billionen-Dollar-Pharma-Industrie weiterhin mit immer weniger verläßlichen Arzneimitteln zu immer höheren Preisen beschummeln kann); andere befürchten noch viel Schlimmeres. Manche glauben, die Hubschrauber arbeiten Hand-in-Handschuh mit einem satanischen Konsortium von Viehverstümmlern, Kindesmißhandlern, verrückten Vorschullehrern und Punk-Rockern; wieder andere sind überzeugt, dass diese finsteren Luftfahrzeuge einer angeblichen UN/NewWorld-Order-Verschwörung dienen, die in den nächsten Tagen über uns herfallen wird. Und natürlich: Niemand glaubt noch amtlichen Verlautbarungen. Nicht mal die, die sie schreiben ... Vielleicht sind solche verallgemeinerten unguten Gefühle gegenüber anderen Mitgliedern unserer eigenen Spezies nach Auschwitz und Hiroshima unvermeidlich geworden. Und tatsächlich: Wer die »Misanthropie« eines Swift, Bierce, Twain und Gleichgesinnten nicht teilt, muß die meisten Nachrichten seit 1944 oder früher verschlafen haben. Freud und Yeats, der eine ein großer Psychologe, der andere ein großer Dichter, wurden, was die menschliche Rasse betraf, zunehmend unsicher nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges, die sich inzwischen aber, im Vergleich mit den seitdem verübten Greueltaten, recht mager ausnehmen.  
 

 

 

 
 
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